Wenn plötzlich alles zerbricht

Mainz-Bretzenheim. Der 18-jährige Enis Kurtishi steht lächelnd auf dem Trainingsgelände der TSG Bretzenheim, durch seinen Kopf geistern allerdings Gedanken um Existenz und – Zukunftsangst. Der gebürtige Mazedonier lebt seit rund zwei Jahren in Deutschland, er geht in die neunte Klasse der Anne Frank-Realschule, spielt in der A-Jugend der TSG Bretzenheim und ist Trainer der C3. Bis vor ein paar Wochen führte er ein ganz normales Teenagerleben, doch dann kam die schockierende Nachricht: Er und seine Familie sollen abgeschoben werden.

Nicht nur für seine Familie, auch für die TSG, ist diese Nachricht ein Schlag ins Gesicht. Enis steht trotz all den Problemen und Gedanken mit einem Grinsen auf dem Platz und hat Spaß am Kicken, der Fußball lässt ihn für einen kurzen Moment abschalten. „Er ist immer höflich, hat überhaupt keinen schwierigen Charakter und versteht sich gut mit dem gesamtem Umfeld“, so der Übungsleiter.

Hoffnung auf Zukunft in Deutschland

Ihr Heimatland musste die Familie Kurtishi nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern aus Gründen politischer Verfolgung verlassen. Für Matthias Zech, den Trainer der Mannschaft, ist die Famile „ein Paradebeispiel gelungener Integration“. Nicht nur für Enis ist Mainz die neue Heimat: sein jüngerer Bruder Sead besucht ebenfalls die Anne Frank-Realschule und spielt bei der TSG Hechtsheim, sein Vater hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag und seine kleine fünfjährige Schwester besucht den Kindergarten. „Ich finde es unmenschlich die fünfährige Tochter aus ihrer Heimat in ein Land abzuschieben, das nie ihre Heimat war. Sie wird es dort wesentlich schwerer haben sich zu integrieren, als dies in Deutschland der Fall ist“, erzählt Zech.

Verein setzt alle Hebel in Bewegung

Dass die ganze Familie, die sich hier ein neues Leben aufgebaut hat, all das nun wieder aufgeben soll, macht den gesamten Verein „sehr traurig“. Die drei Kinder bauen sich hier einen neuen Freundeskreis auf und sind toll integriert. In Mazedonien hatte sein Bruder Epilepsie, seitdem die Familie in Deutschland lebt, ist diese verschwunden, die Familie zuzrückzuschicken würde sie wohl vor große Probleme stellen. Da die Kurtishis selbst die Abschiebung nicht mehr verhindern können, setzt sich der Verein mit der Stiftung Juvente und anderen freiwilligen Helfern ein, um einen Antrag an die Härtefallkomission zu stellen – Enis, ein ganz normaler Jugendlicher, hat also keine Kontrolle mehr über die Situation und muss seine gesamte Zukunft in die Hände einer Komission legen.

Unterstützung von allen Seiten

Neben Schreiben der Schule oder des Arbeitgebers vom Familienvater, hat Zech auch eine Online-Petition, sprich eine Unterschriftenaktion im Internet gestartet, bei der schon rund 1.600 Menschen teilgenommen haben. Das wichtigste um die Abschiebung zu verhindern ist allerdings ein Ausbildungsplatz für Enis, der im Sommer seinen Hauptschulabschluss macht. „Er ist seit etwa zwei Jahren hier und hat all das ohne sprachliche Vorkenntnisse geschafft. Welch eine Leistung das ist, kann man nur schwer nachempfinden. Für die Härtefallkomission reicht vorerst die Zusage eines Ausbildungsplatzes“, sagt Zech. Enis ist grundsätzlich „für jede Arbeit dankbar“, eine Ausbildung im Einzelhandel oder handwerklichen Sektor wäre für ihn allerdings ein Traum. Neben dem Ausbildungsplatz wird auch noch ein (mindestens) 450€-Job für den Vater gesucht, damit er seine 80%-Stelle aufstocken kann und die Familie keine weiteren sozialen Leistungen empfangen muss.

„Niemals aufgeben“

Für ähnliche Fälle hat Zech noch ein paar warme Worte: „Man kann immer etwas dagegen tun, auch hilflos ist man nicht, man darf nur nie aufgeben.“ Der 18-Jährige ist sehr stolz und dankbar für die Hilfe von Teamkollegen, Freunden und Trainer, sie unterstützen ihn in dieser schweren Situation ungemein. Um all den Stress zu vergessen sprintet Enis im Training mit seinen Teamkollegen über den vom Flutlicht bestrahlten Platz in Bretzenheim – und hofft noch möglichst lange in seiner neuen Heimat Mainz Fußball spielen zu können.

 

Quelle: Fupa.net 02.02.2016 (Autor Leon Kamm)

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