„Ich habe noch maximal Bock auf die Saison“

Vor allem aus Zeitgründen und wegen seines anstehenden Referendariats wird Nils Krämer in diesem Sommer seine Aufgabe als Trainer der A-Jugend nach fünf Jahren, zwei Aufstiegen und einem Pokalsieg beenden. Im Gespräch mit FUBAZZA spricht er vorher über die Chancen auf den Klassenerhalt in der Regionalliga, seine Philosophie als Trainer und wie er seine schwindende Schnelligkeit auf dem Platz wettmacht.

Du bist aktiver Spieler in der ersten Mannschaft und trainierst die A-Jugend in der Regionalliga. Wie viel Zeit verbringst du in der Woche auf der Anlage?

Also auf dem Platz bin ich jeden Tag außer Mittwoch und dann drei mal vier Stunden am Stück. Hinzu kommt als Trainer die Vor- und Nachbereitungszeit. Das macht für jedes A- Jugend-Training nochmal anderthalb Stunden obendrauf.

2012 bist du zum Verein gestoßen. Wie war die Situation vor acht Jahren?

Ich bin damals von meinem Auslandssemester in Spanien wiedergekommen, hatte mit dem ernsthaften Fußballspielen eigentlich schon aufgehört und wollte nur noch ein bisschen aus Jux und Tollerei spielen. Durch Studienkollegen bin ich dann zur TSG gekommen und hatte mit Timo (Schmidt; Anm.) zunächst die Abmachung, dass ich hin und wieder ins Training komme, aber nicht spiele. Das hat sich dann mit der Zeit intensiviert, weil zum einen die Mannschaft so eine tolle Truppe war und zum anderen, weil mir das Projekt TSG Bretzenheim so gut gefallen hat.

Was genau?

„Kinner vun de Gass“ war damals voll im Gange und obwohl wir zu dem Zeitpunkt vor allem eine Studenten-Mannschaft waren, habe ich gemerkt, dass aus der C- und B-Jugend Spieler nachrücken, mit deren Qualität man richtig etwas aufbauen kann.

War das ausschlaggebend dafür, dass du 2014 die C2 als Trainer übernommen hast?

Nein, das war völlig überraschend eigentlich. Tommy (Turmers; Anm) und ich haben damals gemeinsam in der ersten Mannschaft gespielt, als der Verein auf uns zukam gefragt hat, ob wir das freie Traineramt in der C2 übernehmen wollen. Bis dahin hatte ich gar nicht daran gedacht, etwas in die Richtung zu machen. Aber Tommy und ich haben uns dann gemeinsam entschieden, dass wir es probieren und einfach mal schauen, ob es uns gefällt.

Und?

Wir hatten extremes Glück mit den Jungs, die wir damals in der C2 bekommen haben. Erstens war die Qualität in der Mannschaft deutlich höher als die einer gewöhnlichen C2 und zweitens waren die Jungs unglaublich wissbegierig. In jedem Training hatten wir das Gefühl, dass die Jungs mitmachen, zuhören und alles aufsaugen, was wir ihnen sagen. Tommy und ich haben dann schon nach kurzer Zeit gesagt, dass uns das viel Spaß macht und wir uns das auch intensiver vorstellen können.

Nach einem Jahr und dem Aufstieg aus der Kreisliga bist du zur A-Jugend gewechselt. Damals wart ihr eine Mittelfeldmannschaft in der Landesliga, jetzt spielt in Mainz nur noch die 05er U19 höherklassiger als die TSG. Was ist das Geheimnis deiner Arbeit?

Da gibt’s kein Geheimnis. Ich halte das für großen Blödsinn, zu behaupten, Trainer hätten irgendwelche Geheimrezepte, die Mannschaften völlig verändern können. Ich glaube, ein Trainer hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass ein Team funktioniert, dass es als Einheit auftritt und sich gegenseitig unterstützt. Am wichtigsten ist, dass beide Parteien – Trainer und Mannschaft – das gemeinsame Ziel einer bestmöglichen Entwicklung haben und wenn diese Chemie funktioniert, hat der Trainer eine sehr gute Chance, dem Team eine gewisse Philosophie mitzugeben.

Was ist deine Philosophie?

Meine Spielphilosophie ist sehr ballbesitzorientiert, weil ich der Meinung bin, dass Jugendliche mit dem Ball spielen müssen und Lösungen mit dem Ball finden sollen. Ich glaube, Jugendliche entwickeln sich besser, wenn ich sie in schwierige Situationen bringe, in denen sie auf engem Raum eigene Lösungen finden müssen. Diese Philosophie habe ich mir zu Beginn so vorgenommen und versucht, diese mit der sozialen Komponente zu verpacken, mich mit den Spielern gut zu verstehen.

Lass uns kurz zur aktuellen Situation kommen: Ihr seid mit fünf Punkten Tabellenletzter in der Regionalliga und von außen mag der Abstieg schon wie beschlossene Sache aussehen. Glaubst du trotzdem weiterhin an den Klassenerhalt?

Ja, absolut. Es war von Anfang an eine Herkules- Aufgabe und natürlich waren wir der krasse Außenseiter in der Liga. Ich habe uns immer so ein bisschen als das gallische Dorf in der Liga bezeichnet, das den Gegnern das Leben so schwer wie möglich machen möchte. Ich will, dass der Gegner – unabhängig vom Ergebnis – keine Lust hat, nochmal gegen uns zu spielen.

Aktuell ist das so und deswegen habe ich trotz der fünf Punkte auch noch maximal Bock auf die Saison. Ich spüre in jedem Training diesen Ehrgeiz und Willen in der Mannschaft, sich trotzdem erheben zu wollen. Das ist etwas, das nur wenige Teams von sich behaupten können, die unten drinstehen. Ich habe natürlich riesigen Respekt vor den spielerischen Qualitäten der anderen Teams, aber ich habe auch komplettes Vertrauen in das spielerische Potential und die Lernbereitschaft unserer Jungs. Wir sind noch lange nicht geschlagen und die Mannschaften über uns sollten sich nicht zu sicher fühlen!

Die erste Mannschaft ist im Schnitt 21 Jahre alt, du bist mit 31 der älteste Spieler im Team und viele Mitspieler hast du irgendwann mal in der A-Jugend trainiert. Wie fühlt es sich an, der Opa der Mannschaft zu sein?

Opa trifft es auf jeden Fall ganz gut, in manchen Phasen des Spiels bewege ich mich vielleicht auch ein bisschen so (lacht). Aber ernsthaft: Es ist super! Wenn man einen Spieler mal trainiert hat und bekommt dann die Möglichkeit, selber mit ihm zu kicken – das ist einfach geil. Denn natürlich haben sich über die Zeit als Trainer auch
Freundschaften zu Spielern aufgebaut. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig für mich, dass es im Team weiterhin Leute etwa in meinem Alter gibt, die ich seit langer Zeit kenne und mit denen ich schon lange diesen gemeinsamen Weg gehe.

Zu meiner Entwicklung als Spieler kann ich sagen, dass ich viel kommunikativer auf dem Feld geworden bin. Früher war ich ein sehr zurückhaltender, fast schon schüchterner Spieler und inzwischen versuche ich durch Dirigieren meine langsamen Bewegungen etwas auszugleichen (lacht).

Was macht die TSG Bretzenheim besonders?

Der Hauptpunkt ist das familiäre und freundschaftliche Gefüge im Verein. Der Fußball im Amateurbereich ist geprägt durch Söldner, die immer wieder und nur wegen des Geldes den Verein wechseln. Bei der TSG hingegen hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass ich mit Freunden zusammenspiele.

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